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Lipödem, Hormone und Stoffwechsel: Warum wir heute genauer hinschauen sollten

Das Lipödem wird noch immer häufig auf seine sichtbaren Symptome reduziert: kräftige Beine, eine Disproportion zwischen Ober- und Unterkörper, druckempfindliches Gewebe und Fett, das trotz Diät und Sport kaum verschwinden will.

Doch gerade bei Frauen mit Lipödem lohnt es sich, nicht nur die Beine, sondern die ganze Patientin anzuschauen. Denn hormonelle Veränderungen und metabolische Faktoren können eine wichtige Rolle spielen – entweder im Zusammenhang mit dem Lipödem selbst oder als zusätzliche Begleiterkrankungen, die ebenfalls behandelt werden sollten.

Typisch für das Lipödem ist eine Beobachtung, die Ärztinnen und Ärzte seit Langem machen: Die Erkrankung betrifft fast ausschliesslich Frauen und tritt häufig erstmals in Phasen grosser hormoneller Veränderungen auf. Pubertät, Schwangerschaft und Menopause sind klassische Zeitpunkte, zu denen ein Lipödem erstmals auffallen oder sich bestehende Beschwerden verstärken können.

Das spricht dafür, dass Sexualhormone an der Entstehung oder Ausprägung beteiligt sein könnten. Wie genau diese Zusammenhänge funktionieren, ist allerdings noch nicht abschliessend geklärt.

Lipödem ist nicht einfach «zu viel Fett»

Eine Frau mit Lipödem kann deutlich abnehmen und dabei Gewicht am Bauch, im Gesicht oder am Oberkörper verlieren, während sich die typischen Lipödem-Areale an Beinen und teilweise Armen wesentlich weniger verändern.

Das betroffene Gewebe unterscheidet sich von gewöhnlichem Speicherfett und kann mit Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Neigung zu Blutergüssen und Veränderungen des Bindegewebes einhergehen. Deshalb ist die häufig gehörte Aufforderung «Sie müssen einfach weniger essen und mehr Sport treiben» bei einer Lipödem-Patientin medizinisch zu kurz gedacht.

Genauso falsch wäre allerdings die gegenteilige Haltung: Gewicht und Stoffwechsel spielten beim Lipödem überhaupt keine Rolle, weil «Lipödem-Fett ohnehin nicht abnimmt».

Eine Patientin kann gleichzeitig ein Lipödem und Übergewicht, Insulinresistenz, PCOS oder eine andere metabolische Erkrankung haben. Diese Faktoren können sehr wohl behandelt werden. Genau deshalb sollte eine moderne Lipödem-Abklärung mehr umfassen als die alleinige Beurteilung des Fettgewebes.

Welche Rolle spielen Östrogen und Progesteron?

Dass Hormone eine Rolle spielen können, liegt aufgrund des fast ausschliesslichen Auftretens bei Frauen und der typischen hormonellen Lebensphasen nahe.

Im Internet wird allerdings häufig sehr schnell von einer «Östrogendominanz» als Ursache des Lipödems gesprochen. Dafür gibt es bislang keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage. Es existieren interessante Hypothesen zur Wirkung von Östrogenen auf Fettgewebe, Fettverteilung, Gefässsystem und Insulinsensitivität. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass jede Lipödem-Patientin zu viel Östrogen hat.

Aus langjähriger klinischer Erfahrung spricht jedoch einiges dafür, dass hormonelle Veränderungen bei vielen Patientinnen eine relevante Rolle spielen können, zumindest als Auslöser, Verstärker oder Begleitfaktor. Deshalb sollte man hormonelle Beschwerden nicht vorschnell abtun, sondern bei passenden Hinweisen gezielt abklären.

Ähnliches gilt für Progesteron. Es gibt Patientinnen, die subjektiv Veränderungen ihrer Beschwerden im Zusammenhang mit dem Zyklus oder hormonellen Therapien beobachten. Progesteron ist derzeit jedoch keine wissenschaftlich etablierte Lipödemtherapie und sollte nicht pauschal gegen Lipödem-Beschwerden eingesetzt werden.

Trotzdem lohnt sich eine hormonelle Abklärung, wenn entsprechende Symptome bestehen. Zyklusstörungen, unerfüllter Kinderwunsch, Akne, auffällige Behaarung oder ungewöhnliche Gewichtsentwicklungen können beispielsweise Hinweise auf eine zusätzliche hormonelle Erkrankung sein.

Lipödem, PCOS und Insulinresistenz

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das polyzystische Ovarialsyndrom, kurz PCOS. PCOS kann mit Zyklusstörungen, erhöhten Androgenen, Gewichtszunahme und Insulinresistenz einhergehen.

Ob PCOS bei Frauen mit Lipödem tatsächlich wesentlich häufiger vorkommt als in der übrigen weiblichen Bevölkerung, ist bislang nicht ausreichend geklärt. Zeigt eine Lipödem-Patientin jedoch typische Symptome, sollte man diese nicht einfach dem Gewicht oder dem Lipödem zuschreiben, sondern gezielt abklären.

In unserer Sprechstunde sehen wir häufig Patientinnen, bei denen Lipödem, Gewichtszunahme, Insulinresistenz, PCOS oder andere hormonelle und metabolische Themen zusammenkommen. Genau deshalb ist es wichtig, nicht nur die Beine zu betrachten, sondern die gesamte gesundheitliche Situation.

Auch der Insulinstoffwechsel verdient Aufmerksamkeit. Eine Lipödem-Patientin kann zusätzlich eine Insulinresistenz entwickeln, insbesondere wenn gleichzeitig Übergewicht, PCOS oder andere Risikofaktoren bestehen.

Dann benötigt der Körper zunehmend höhere Insulinspiegel, um den Blutzucker zu kontrollieren. Eine solche metabolische Situation sollte erkannt und behandelt werden.

Das bedeutet nicht, dass man mit einer bestimmten Diät das Lipödem «wegessen» kann. Aber man kann den übrigen Stoffwechsel verbessern, Gewicht reduzieren und damit Gesundheit, Beweglichkeit und Belastbarkeit positiv beeinflussen.

Metformin: interessant, aber nicht als «Lipödem-Tablette»

Hier kommt ein Medikament ins Spiel, das eigentlich aus der Diabetologie bekannt ist: Metformin. Es beeinflusst unter anderem den Glukosestoffwechsel und wird seit vielen Jahren bei Typ-2-Diabetes eingesetzt. Auch bei bestimmten Patientinnen mit PCOS und Insulinresistenz kann Metformin sinnvoll sein.

Aus unserer Erfahrung können Patientinnen mit solchen Begleitfaktoren sehr profitieren, wenn die metabolische Situation erkannt und gezielt behandelt wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass Metformin das Lipödem selbst behandelt.

Der US-amerikanische Lipödem-Konsens empfiehlt, Metformin bei Patientinnen mit Lipödem und metabolischen Komplikationen in Betracht zu ziehen.

Das ist ein spannender Ansatz, muss aber richtig eingeordnet werden: Metformin ist keine Tablette gegen das Lipödem selbst. Besteht jedoch gleichzeitig eine relevante Insulinresistenz oder eine entsprechende Stoffwechselstörung, kann deren Behandlung einen wichtigen Unterschied machen.

Manche Patientinnen können dadurch ihre metabolische Situation verbessern und leichter Gewicht reduzieren. Das kann das Lipödem nicht heilen, aber die allgemeine gesundheitliche Ausgangslage positiv beeinflussen.

Welche Rolle spielen GLP-1-Medikamente?

Auch moderne GLP-1-Medikamente wie Ozempic® oder Wegovy® verändern gerade die Diskussion rund um Gewicht, Stoffwechsel und Lipödem.

Bei gleichzeitig bestehender Adipositas oder entsprechenden Stoffwechselerkrankungen kann eine medikamentöse Gewichtsbehandlung unabhängig vom Lipödem sinnvoll sein. Wichtig bleiben dabei immer die ärztliche Indikationsstellung und Begleitung.

Gleichzeitig sollte klar bleiben: GLP-1-Medikamente sind derzeit keine spezifische Lipödemtherapie. Sie können bei geeigneten Patientinnen helfen, Gewicht und Stoffwechsel zu verbessern. Das typische Lipödem-Gewebe an Beinen oder Armen verschwindet dadurch jedoch nicht automatisch.

Auch hier zeigt die Erfahrung, dass eine differenzierte Betrachtung wichtig ist: Für manche Patientinnen kann Gewichtsreduktion eine grosse Entlastung sein. Andere verlieren Gewicht an Bauch, Gesicht oder Oberkörper, während die Beschwerden an den Beinen weiterhin bestehen bleiben.

Warum eine Lipödem-Sprechstunde mehr als die Beine untersuchen sollte

Eine gute Lipödem-Abklärung sollte nicht beim Blick auf Beine und Arme enden.

Natürlich stehen zunächst die klinische Diagnose und die Abgrenzung gegenüber Adipositas, Lipohypertrophie, Lymphödem und Venenerkrankungen im Mittelpunkt. Zusätzlich sollte aber die gesamte gesundheitliche Situation betrachtet werden:

  • Gewichtsentwicklung
  • Blutdruck
  • Glukosestoffwechsel
  • mögliche Insulinresistenz
  • Schilddrüse
  • hormonelle Beschwerden
  • Zyklusstörungen
  • Hinweise auf PCOS
  • bestehende Schmerzen und Einschränkungen

Das Ziel ist nicht, jeder Patientin möglichst viele Diagnosen zu geben. Es geht darum, behandelbare Begleiterkrankungen nicht zu übersehen.

Wenn zusätzlich zum Lipödem eine Insulinresistenz besteht, sollte diese behandelt werden. Wenn eine Schilddrüsenerkrankung vorliegt, gehört auch diese abgeklärt und therapiert. Und wenn hormonelle Auffälligkeiten bestehen, sollten sie fachgerecht beurteilt werden.

Moderne Lipödemtherapie bedeutet Kombination statt Einheitsbehandlung

Die moderne Lipödemtherapie besteht nicht aus einer einzigen Massnahme.

Bewegung, eine langfristig umsetzbare Ernährung, Gewichtsmanagement, Kompression und je nach Beschwerden weitere konservative Massnahmen bilden wichtige Bausteine. Bestehen relevante metabolische oder hormonelle Begleiterkrankungen, sollten auch diese gezielt behandelt werden.

Wenn trotz konsequenter konservativer Therapie ein ausgeprägtes und schmerzhaftes Lipödemgewebe bestehen bleibt, kann eine spezialisierte Liposuktion eine weitere therapeutische Möglichkeit darstellen.

Dabei muss man verstehen, dass die verschiedenen Ansätze unterschiedliche Probleme behandeln: Eine Liposuktion kann krankhaft vermehrtes Fettgewebe reduzieren, behandelt aber keine gleichzeitig bestehende Insulinresistenz. Metformin wiederum kann bei entsprechender Indikation den Stoffwechsel verbessern, entfernt aber kein Lipödemgewebe.

Vielleicht müssen wir deshalb mit einer alten Vorstellung aufräumen: Lipödem ist weder einfach Übergewicht noch ausschliesslich ein lokales Fettproblem. Es handelt sich um eine komplexe chronische Erkrankung, deren Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind.

Hormone scheinen eine Rolle zu spielen. Ebenso können Stoffwechsel, Gewicht, Bindegewebe, genetische Faktoren und individuelle Begleiterkrankungen relevant sein.

Aus über 30 Jahren Erfahrung mit Lipödem-Patientinnen wissen wir: Viele Betroffene profitieren besonders dann, wenn ihre Beschwerden nicht isoliert betrachtet werden. Es reicht oft nicht, nur zu fragen, wie die Beine aussehen. Entscheidend ist auch, wie sich Gewicht, Stoffwechsel, Hormone, Schmerzen und Alltag gegenseitig beeinflussen.

Eine moderne Lipödem-Sprechstunde sollte deshalb nicht nur fragen: «Wie sehen die Beine aus?» Sie sollte auch wissen wollen: Wie entwickelt sich das Gewicht? Gibt es Zyklusstörungen? Hinweise auf PCOS? Wie sieht der Glukosestoffwechsel aus? Ist die Schilddrüse unauffällig? Welche Schmerzen bestehen? Und welche zusätzlichen Faktoren können wir tatsächlich behandeln?

Unser Fazit

Lipödem behandeln bedeutet, die ganze Frau zu betrachten und nicht nur ihre Beine.

Das Lipödem selbst lässt sich nicht auf Ernährung, Hormone oder Stoffwechsel reduzieren. Gleichzeitig wäre es aber falsch, diese Faktoren komplett auszublenden.

Gerade weil viele Patientinnen zusätzlich mit Gewichtszunahme, Insulinresistenz, PCOS, Schilddrüsenthemen oder hormonellen Beschwerden zu tun haben, lohnt sich eine umfassende Abklärung.

In der LIPÖDEMCLINIC betrachten wir deshalb nicht nur die sichtbaren Lipödem-Areale, sondern auch die gesamte gesundheitliche Situation. Denn nur so lässt sich ein Behandlungskonzept entwickeln, das zur Patientin passt: konservativ, operativ, metabolisch oder kombiniert.

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