Bis zur Pubertät war eigentlich nichts auffällig. Dann veränderte sich der Körper. Die Hüften wurden breiter, die Oberschenkel kräftiger. Während Freundinnen weiterhin schlanke Beine hatten, schienen die eigenen Beine immer mehr an Umfang zuzunehmen.
Später kamen vielleicht Druckempfindlichkeit, schwere Beine, blaue Flecken oder Schmerzen hinzu.
Jahre später lautet die Diagnose: Lipödem.
Viele Frauen erzählen eine ähnliche Geschichte. Und genau das könnte einen wichtigen Grund haben: Hormone.
Das Lipödem betrifft fast ausschliesslich Frauen und beginnt oder verändert sich auffällig häufig in Lebensphasen, in denen sich auch der Hormonhaushalt stark verändert:
Eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Übersichtsarbeit hat genau diesen Zusammenhang untersucht. Dabei rückt besonders Östrogen in den Mittelpunkt.
Östrogen beeinflusst unter anderem, wo der weibliche Körper Fett speichert. Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass bei Lipödem-Betroffenen nicht einfach «zu viel Östrogen» vorhanden ist. Vielmehr könnte das Fettgewebe anders auf Östrogen reagieren.
Forscherinnen und Forscher haben Veränderungen bei den sogenannten Östrogenrezeptoren beschrieben. Vereinfacht gesagt sind das die «Andockstellen», über die Östrogen seine Wirkung in den Zellen entfaltet.
Das könnte mit erklären, warum sich das Fett beim Lipödem bevorzugt an Beinen, Hüften und teilweise Armen ansammelt.
Wichtig bleibt aber: Die Forschung ist hier noch nicht abgeschlossen. Hormone sind wahrscheinlich ein wichtiger Teil des Gesamtbildes, aber nicht die einzige Erklärung.
Mit der Pubertät verändert sich der Hormonhaushalt eines Mädchens grundlegend. Genau in dieser Zeit berichten viele Betroffene erstmals von einer auffälligen Zunahme an Hüften, Oberschenkeln oder Beinen.
Ähnliches kann während oder nach einer Schwangerschaft passieren. Auch die Wechseljahre werden von vielen Frauen als Zeitpunkt beschrieben, an dem sich ein bestehendes Lipödem verändert oder Beschwerden stärker werden.
Das bedeutet nicht, dass Hormone allein ein Lipödem verursachen.
Nach heutigem Wissen spielen wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammen, darunter Hormone, Veranlagung, Stoffwechsel und Veränderungen des Fettgewebes.
Die Übersichtsarbeit von 2026 kommt jedoch zu dem Schluss, dass hormonelle Veränderungen – insbesondere rund um Östrogen und seine Rezeptoren – eine wichtige Rolle spielen könnten.
Wenn hormonelle Veränderungen tatsächlich an der Entstehung oder Entwicklung eines Lipödems beteiligt sein können, stellt sich automatisch die Frage: Was bedeutet eine hormonelle Verhütung für Mädchen und Frauen, die möglicherweise eine Veranlagung zum Lipödem haben?
Eine eindeutige Antwort gibt es bisher nicht.
Es ist wissenschaftlich nicht bewiesen, dass die Antibabypille ein Lipödem verursacht. Ebenso wenig können wir derzeit sagen, dass der Verzicht auf die Pille ein Lipödem verhindern kann.
Trotzdem halten wir es für sinnvoll, bei einer deutlichen familiären Belastung genauer hinzuschauen.
Hat beispielsweise die Mutter ein ausgeprägtes Lipödem und zeigen sich bei der Tochter bereits während der Pubertät erste typische Veränderungen an Beinen oder Hüften, sollte eine hormonelle Verhütung aus unserer Sicht nicht einfach unkritisch begonnen werden.
Stattdessen sollte gemeinsam mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen besprochen werden, welche Verhütungsmethode individuell geeignet ist und ob auch eine nicht-hormonelle Alternative infrage kommt.
Ein pauschales «keine Pille bei Lipödem» lässt sich aus der aktuellen Forschung dagegen nicht ableiten.
Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf Mutter, Grossmutter und Schwestern.
Gibt es in der Familie mehrere Frauen mit auffällig kräftigen, schmerzhaften Beinen? Traten die Veränderungen jeweils mit der Pubertät, einer Schwangerschaft oder den Wechseljahren auf?
Dann sollte man bei jungen Mädchen möglicherweise früher aufmerksam werden.
Nicht, um ihnen Angst zu machen. Sondern um Veränderungen frühzeitig zu erkennen, richtig einzuordnen und bei Bedarf medizinisch abklären zu lassen.
Eine familiäre Belastung bedeutet nicht automatisch, dass ein Mädchen ein Lipödem entwickeln wird. Sie kann aber ein Hinweis sein, genauer hinzuschauen, wenn typische Veränderungen auftreten.
Aus der aktuellen Forschung ergibt sich noch keine spezifische Hormontherapie gegen das Lipödem.
Trotzdem ist der hormonelle Zusammenhang wichtig. Er hilft zu verstehen, warum viele Patientinnen ihre ersten Symptome in bestimmten Lebensphasen bemerken und warum sich Beschwerden im Laufe des Lebens verändern können.
Für die Behandlung bedeutet das: Ein Lipödem sollte nicht nur als lokales Fettproblem betrachtet werden. Neben dem typischen Erscheinungsbild an Beinen oder Armen sollten auch Gewichtsentwicklung, Beschwerden, familiäre Belastung, Zyklus, Schwangerschaften, Wechseljahre und mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigt werden.
Je besser diese Faktoren eingeordnet werden, desto individueller kann die Behandlung geplant werden.
Das Lipödem ist offenbar sehr viel komplexer als eine reine Fettverteilungsstörung.
Die Forschung liefert zunehmend Hinweise darauf, dass Hormone – insbesondere Östrogen und die Reaktion des Gewebes darauf – eine wichtige Rolle spielen könnten.
Das könnte erklären, warum Pubertät, Schwangerschaft und Wechseljahre für viele Betroffene entscheidende Phasen sind.
Und es bedeutet auch: Bei einer familiären Lipödem-Belastung sollten hormonelle Entscheidungen bewusst getroffen werden. Dazu gehört auch die Verhütung.
Die Pille ist nach aktuellem Forschungsstand weder als Ursache des Lipödems bewiesen noch grundsätzlich verboten. Aber gerade bei jungen Frauen mit deutlicher familiärer Veranlagung oder ersten Symptomen lohnt es sich, gemeinsam mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen über hormonelle und nicht-hormonelle Möglichkeiten zu sprechen.
Denn je besser wir die hormonellen Zusammenhänge des Lipödems verstehen, desto eher können daraus in Zukunft möglicherweise auch neue Ansätze für Früherkennung und Behandlung entstehen.
In der LIPÖDEMCLINIC betrachten wir deshalb nicht nur einzelne Körperregionen, sondern die gesamte Patientin: Beschwerden, Lebensphase, familiäre Belastung, Stoffwechsel, Hormone und persönliche Ziele.
Quelle: Lüchinger JE, Pavicic E, Giachino CL, Stute P. Impact of hormones on lipedema development: a systematic literature review. Archives of Gynecology and Obstetrics, 2026.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Verhütungsmittel sollten nicht ohne Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgesetzt, begonnen oder gewechselt werden.
Wir verstehen, dass die Behandlung eines Lipödems wohl überlegt sein will. Gerne nehmen wir uns deshalb die Zeit, um Ihnen im Rahmen einer unverbindlichen Erstkonsultation alle Fragen zu beantworten. Vereinbaren Sie noch heute Ihren Beratungstermin in der LIPÖDEMCLINIC.
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